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Gläserne Herzen
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Titelseite 'Gläserne Herzen'
Gläserne Herzen,
Köner Liebesleben literarisch,
Elke Pfeifer, Heiko Deters (Hrsg.)
© 1988,Kölner-Volksblatt Verlag
ISBN 3-923243-86-3
 
Es war einmal an einem Abend im Winter im Regen ...
So heißt eine der Geschichten über "Köln und die Liebe", die in diesem Buch zu lesen sind.
Gläserne Herzen - Herzen aus Glas. Zart oder hart, auf jeden Fall zerbrechlich.
Gläserne Herzen - Herzen zum Anschauen. Die verborgenen Regungen werden sichtbar. Gläserne Herzen - und gläserener Mensch. Die Liebe im Zeitalter der Datenbanken.
 
Das Kölner Liebesleben im Spiegel von 37 Autoren. Zwischen zärtlich und bitter, verzehrend und traurig, betroffen und ironisch bewegen sich die Texte. Die Gedichte, Geschichten, Märchen und Montagen (alles Erstveröffentlichungen) illustrieren das Thema Ende der achtziger Jahre.
 
Und wem das nicht genügt, dem lassen die liebevollen (liebestollen?) Abbildungen das Herz aufgehen. Domstadt-Liebe total.
 
Mit Texten von Frauke Alshé, Lisa Böll, Bert Brune, Ingeborg Drews, Karl Feldkamp, Christoph Gottwald, Lorose Keller, Friedrich Kröhnke, Lisa Mürl, Rolf Steiner, Volker A. Zahn u.v.a
 
 

 
 

Gläserne Herzen - Die Geschichte
 
Was machen wir nachher?
Da kette ich mein Fahrrad an, unter der Trauerweide. Gehe rein in das Haus, die Tür zum Garten steht offen, wie immer. Der Vater hinter dem Tisch hat die Schürze umgebunden, ungebunden. Er dreht seinen Kopf und neigt ihn zur Seite: "Willste wat trinken?" - " Aber nur." Gießt mir einen Doppeldecker ein. Sturzrunter. Wir reden ein paar Takte über Schule, Maloche und keine haben, Birne. "Ich geh jetzt mal rauf zu ihr." - "Jaja, jeh schon." Nachdenklich rupft er weiter an seinem Salatkopf, trennt die dunklen, spröden von den frischen Blättern. Kein Auge mehr für mich. Ich 'jeh schon' die Treppe rauf und je höher ich komme desto lauter wird es, die Musik.
 
Bruni liegt auf dem Bett, im Bademantel. Sie schläft. Der Aschenbecher voller Noname Kippen. Es riecht wie im "Kalamitäteneck" am Morgen danach vor dem Aufräumen. Jetzt erstmal tief durchatmen, die Zigaretten-Salat Atmosphäre, ihre Luft. Dann reiß ich das Fenster auf und mit Juchzen stürzt sich die Mailuft auf den Teppich, auf den Tisch, ins Bett. Ich setze mich dazu, versuche in den Bademantel zu peepen, halte meine Hände bei mir. Wenn ich jetzt die Lautsprecher abdrehe, wacht sie auf, wenn ich anlasse, frisst mich der Frust. Ich könnte zwar wieder zum Alten runtergehen und beim Essenmachen helfen - aber ich bin kein Freund von Frikadellen wegen der feuchten Brötchen, die dazu gebraucht werden.
 
Jetzt fährt doch noch ne Hand von mir zu ihr, fegt die Strähne aus ihrem Gesicht. Langsam kommt's mir vor, als ob sie schlafen spielt. Also - Ruhe schaffen ist vielleicht doch die humanste Art jemand zu wecken. Ich schalt das Radio ab, kommt sowieso gleich Werbung. Das nur zu meiner Beruhigung. Sie klappt die Augen auf. "Eh Süßer, seit wann bist du denn hier?" Verschlafen sind die Versuche sich aufzurichten. Die Sonne macht's ihr ziemlich schwer. "Cherie, mach das Fenster zu, ja? Bitte. Und gib mir mal ne Zigarette. " - "Ich kann dir eine drehen." - "Yes." Sie legt eine Kassette in das Gerät und startet die nächste Rakete: eine kleine Schlafmusik. Ich lecke das Papierchen, kurbele durch und gebe ihr die Kippe rüber, danach produzier ich noch eine für meine Lunge. Wir paffen so vor uns hin ohne uns anzusehen. "Was macht der Vater?" - "Salat." - "Ich hab keinen Hunger. Komm, leg dich zu mir, faß mich an!" Der Bademantelgütel ist schnell gelöst. Ich fange an mit Händen ihre Haut zu vermessen. Sie gräbt zwischen Hemd und Haaren. Unsere Blicke verknoten sich. Auf meiner Expedition gerate ich immer tiefer in den Dschungel. "Fang an, zieh dich aus, mach den Vorhang zu." Dann kuscheln wir uns in das Mailuftbett. Eine kurze Zeit vergeht, Handlungen von Händen vergehen, Kassetten gewechselt, und das Abschalten erweckt uns zu immer neuer Trägheit, und der Leidenschaft sind keine Grenzen gesetzt, versinken und auftauchen, trinken und ertrinken, lachen, schreien, die Schlüssel suchen und finden.
 
"Was machen wir nachher?" Beginnt nun das Zeitalter des Altern, die Planungsphase? "Wir reißen den Dom ab und legen den Grundstein für ein 157 Emm tiefes Loch." Der Geruch aus der Küche wird stärker. "157 m tief, weißt du, wieviel Frikadellen in so ein Loch passen?" - "Dreh doch mal die Musik um." - "Dreh dich doch selbst um." - "Haste wat zu trinken da?" -
 
 
"Vor der Tür steht eine Kiste Zoka Zola." - "Geh doch mal ne Flasche holen." - "Au, du tust mir weh. Ich glaub, ich geh doch lieber selbst." - "Mußt du heute abend noch kellnern?" - "Ja, ab neun." - "Wie kommen wir denn gleich in die Stadt?" - "Mit dem Fahrrad." - "Geht nicht, ich hab nen Platten." - "Könnt ich nich sagen." Ich werfe einen Blick und eine Hand auf ihre Brüste. "Ach, hör auf. Ich hab wirklich nen Platten." - "Dann fahren wir eben mit der 12." und meine Hand will bleiben, aber Bruni will nicht mehr und entfernt sich aus dem Dunstkreis der Selbstgedrehten.
 
Wir sitzen hinten in der 12 mit nem Eis für zwei Mark vom van der Put. Sie hat ihre Rollen angeschnallt. Damit in der Bahn zu fahren auch ohne zu fahren ist ja sowas von verboten, pack ich nicht. Genauso wie Schwarzfahren. Ich lege nen neuen Film in meine Kamera: "Das gibt geile Fotos, mit der Sonne am untergehn, Dein rotes Hemd und die gotische Steinsammlung im Hintergrund, Mensch Wahnsinn." Ich schüttle mich, wenn sie mich sooo anlacht, könnt ich sie knutschen, stundenlang. Klappe zu und zwei schwarze Fotos machen, damit sie klar ist, die Superflowerpowerklickbox. Herthastraße, nächste Pohlig. Steigen doch tatsächlich zwei so Kontrollettis ein. "Scheiße!" kommt von Herzen. Zum Drücken isses zu spät. Ich frag Bruni: "Hast Du?" Sie nickt: "Hab ne Wochenkarte." Was bleibt mir übrig, entweder kann ich am Eifelplatz die Flitze machen oder ich muß die 40 Öre berappen. "Muß denn die Scheißampel ausgerechnet jetzt auf Rot schalten?" Die Bahn ist schon unter den Unterführungen durch und bremst langsam ab. "Gestatten, Ihren Fahrtausweis, bitte." - "Bitte", kommt mir komisch vor. Sie könnten wenigstens in ganzen Sätzen reden. Ich ziele mit der Kamera auf sein Gesicht: "Wo ist denn das Vögelchen?" und denke an einen bekannten Sänger: "Ich fahr schwatz mit dä KVB, die Markfuffzig deit denne och nit wieh, ich fahr schwatz mit dä KVB, dä Hals voll kriejen die Bonze nie." Bruni hat den grausamen Rächer der Entehrten erst was hingehalten und dann ihm ihre Wochenkarte. Der Mann zupft an seiner Brille, wirft einen Blick auf die Frau, unterhalb des Ausschnitts, dann langsam auf mich. Werde wütend, weil er sich stark fühlen darf. Inzwischen steht auch sein Kontrollege an unserer Bank. Zwei von denen können einem gehörig auf den Zeiger gehen. Einer wiederholt sein Angebot: "Was ist, haben Sie einen Fahrtausweis oder nicht?" - "Ach, Sie meinen mich!" Erstaunen. "Stell Dich nicht dumm. Deine Fahrkarte!" Auch das noch, jetzt wird der vertraulich. "Für Dich bin ich immer noch Sie, also was nun?" Ich will zum Dom, denke ich bei mir privat, also versuchen hinzuhalten die Geier, vielleicht ergibt sich ja ein Fluchtpunkt, aber auf der Bank hier bin ich ziemlich angeschissen. Ich grapsche in meine Hosentasche, drücke dem Sheriff ein Bündel wertloser Tickets in die Kralle und stehe auf: "Einer davon muß es sein." "Werden Sie (aha!) nicht komisch." mischt sich der Kollege ein, "an der nächsten Haltestelle steigen Sie mit uns aus, dann werden wir das regeln." Das ist dann schon der Barbarossaplatz. Schade. "Is ja schon gut, alles gut, hier sind Eure vierzig Eier. Laßt mich jetzt in Ruhe. Abgang! Macht Euch nen schönen Abend." Einer von den Typen wollte noch ein bißchen Stunk machen, der andere wa r mit dem Geld und dem Prinzip zufrieden. Muß ich heute abend wieder mächtig für kellnern, Kacke verdammte, sauertöpfische Mienen danken es ihnen. Bruni hat für mich inzwischen ein Kärtchen gedrückt, damit ich bis zum Dom mitfahren kann. Ist richtig lieb von ihr. "Wo hast Du Dir denn den Platten geholt? Ich meine mit dem Fahrrad." "Ach, halt den Mund!" - Poststraße. Sie guckt auf die Marokkoplakate. "War nicht so gemeint."
 
Ich kann ihr kaum folgen. Sie hat da ein paar Typen getroffen, mit denen sie über die Domplatte kurvt. An der Sprungschanze und neben dem Römisch-Germanischen schiesse ich ein paar Bilder, auch als sie die Treppe an den Bischofsgräbern runterhoppelt. Dann setze ich mich auf die Treppe am Südportal, lasse mir die restlichen Sonnenstrahlen auf die Mütze scheinen. Einige von den Kleinen fahren wie die Teufel, immer auf die Bretter zu und springen dem Publikum fast auf die Füße.
 
 
Hinter mir sitzt ein Troß Neue-Welt Touristen, die sich in feinstem Rasierklingenenglisch über die Vorzüge ihrer Subkultur unterhalten: Sears Tower, Chicago, World Trade Center, New York, MacDonalds, Vatikan, ABC, NBC, CBS, LMA, TV, Verblödung - six days in Europe, the Pope included, morgens in Paris, dann Rom, Athen, Abendessen in London und Breakfast in America, heute hier, morgen da und übermorgen mache ich der Königin ein Kind, ach wie gut, daß niemand weiß...
 
Ich halte das nicht aus. Ich winke meinem Schneewittchen zu, sie kommt auf mich zugerast: "Hey, was ist?" Sie hält sich an mir auf. "Kommst Du heute abend noch im Eck vorbei?" - "Klaro, Süßer bis später, tschüss!" Weg isse. Ich knipse nochmal hinter ihr her und halte dann voll auf die Giganten aus dem Land der unbegrenzt Beschränkten bis der Film nichts mehr hergibt.
 
"...if I could stick a knife in my heart, suicide right on the sta-ya-yage, would it be enough for your teenage lust, would it help to ease your pai-ya-yain..." Da geht bei mir die Post ab. Steh an der Tür, bis jetzt ist die Kneipe noch leer. Der Blonde ist natürlich schon da mit seinen schmalbrüstigen Freunden. Seine Geschichten kann ich schon nicht mehr hören. Was interessiert mich sein Problem mit der Buchhaltung seiner Großmutter. Und außerdem kümmert sich Sandra hinter der Theke mit ihrer gelassenen Freundlichkeit um die drei Versprengten. Nach zehn ist hier wieder der Bello los, wie jeden Abend, dann kommst nicht mehr zum Luftholen bis nach eins. Sauer verdiente Kohle für die Kopfgeldjäger - und jetzt gähn ich mir einen nach dem anderen ab. Zum Glück hab ich ne Menge Marken in die Musikbox gefeuert, damit in den nächsten Stunden keiner auf die Idee kommt, irgend so nen Scheiß zu drücken. Zumindest die lauten Töne müssen stimmen. Halb elf kommt Bruni rein, ich winke. Da quatscht mich einer blöd von der Seite an: "Eh, wo bleibt mein Großes?" - "Wat hatteste denn bestellt, Buttermilch?" - "Kölsch, Mensch." - "Kommt gleich. La rue, die Ruhe." Inzwischen hat sich Schneewittchen zu mir durchgekämpft. Ich drücke dem Jungen neben mir das Tablett in die Hand: "Halt mal eben." und dann halt ich Bruni mal eben. Sie riecht gut. "Kriegst Du was?" "Ne Zoka Zola und - ja, nen Korn." Ich greife mir das Tablett und kurve durch die Menge zur Theke. "Hey, Sandra, mach mal sieben, nee sechs Kölsche und..." Langsam fang ich an, den Überblick zu verlieren. Sollte ab jetzt selbst nichts mehr trinken, ich falle sonst von der Rolle. So ab halb eins stehen wenigstens keine Figuren mehr auf den Gängen. Das mit den Tischen schaff ich leicht, aber von den anderen Gaunern sind mir heute mindestens wieder drei durch die Lappen gegangen. Schweine, schlecht und betrügerisch ist die Welt. Ach, soll mir egal sein, dem ollen Schwarze tuts nicht weh, der hat genug Kneipen und ich krieg den größten Teil meiner Flocken so oder so. Ich muß mich ein bißchen um Brunhildchen kümmern. Der Jochen, mit dem sie den ganzen Abend rumgehangen hat, soll sich bloß keine falschen Gedanken machen. Mit seinen dummen Sprüchen und seiner Knete kann er bei ihr sowieso nicht landen, denke ich so bei mir. "Jochen, soll ich Dir ne Taxe rufen? Wir machen gleich zu." - "Ist doch erst viertel vor." - "Dann bestell noch was!" Mann, bin ich daneben, wenn die Prinzessin was will von dem, dann will und tut sie das auch - aber ich rede mir ein, sie will garnicht. "Was? Ach so, zwei Kölsch noch."
 
Um 20 nach eins schließe ich hinter Jochen die Tür zu. Sandra hat schon die Gläser weggeräumt. Jetzt nur noch die Kasse abrechnen. Das machen wir bei Bruni, sie hat schon alle Tische abgewischt und sitzt wieder vor ihrem Restbier. Sandra hat das Geld gezählt und aufgestapelt. Ich kralle mir meine Piepen. "Das wärs. Ich bin geschafft. Sandra, wir sehen uns Freitag, Küßchen." Freitags sind nochn paar Groschen mehr drin als Dienstags. Mit Bruni fest im Arm steuern wir auf meine lausige Bude zu. "Das war nicht nötig," stupst sie mich an, "das mit Jochen. Okay?" Ich nicke okay, verlegen. Sie ist schon in Ordnung, die Schneeeprinzessin.
 
(Rolf Uher - S. 164-168)


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