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Worte in der Zeit,
Anthologie,
Hans-Alfred Herchen (Hrsg.)
© 1985, HAAG + HERCHEN Verlag, Frankfurt a.M.
ISBN 3-881129-966-1

 
Mit Beiträgen von:
 
Andreas Belwe
Edmund Diedrichs
Erhard Dill
Wilhelm Eichner
Uta Franck
Stephanie Gamroth
Leni Gerhardt
Hans-Jürgen Graumann
Rolf Grüttler
Friedrich Hedler
Karlo Heppner
Esther Hermann
Helmut Höhme
Albert Jenny
Helena Kern
Hans Kiskalt
W. Klauter
Helga Kuhnert
Elisabeth Kurtz
Rudolf Lohse
Jürgen Mende
Ursula Muth
Naci Sahin / Harald Niemeyer
Maria Sassela-Schuba
Hilde Schiffers
Bernhard Schirra
Hans-Joachim Staemmler
Erich Stümpfing
Irene Taitl-Münzert
Helmut Thiemann
Rolf Uher
Udo Volkmer
Hildegard Weiser
Eberhard Wever
WINDSPIEGEL
Werber Zurmöhle
 
 
Rolf Uher - Seiten 407 - 412
  • Anfänge sind Reisen
     
    Anfänge sind Reisen
    in die weißen
    Nächte
    nirgendwo für immer bleiben
    nicht
    in den Erbhöfen der Unverbindlichkeit
    nicht
    in blassen Tangocafés
    und erst recht nicht
    in Türmen von Elfenbein
     
     
  • An einem jener Abende
     
    An einem jener Abende
    an dem ich
    wie immer
    meine hoffnungslose Zukunft zu planen gedachte
    versuchte ich
    mir deine Telefonnummer vorzustellen
    und verschwendete einhundert Gedanken
    an den Tag deines Eisprungs
    oder
    an die Farbe
    deiner Augen
     
  • Eine neue Generation
     
    Eine neue Generation
    ein kleiner Leierkasten auf dem Tisch
    im Glas
    etwas Wein mit einem Schuss Zyankali
    der Brief halb verbrannt
    aber die Gedanken
    sind noch da
    glitzerndes Hamburg
    die unschuldige Dirne
    weint auf der Bordsteinkante
    heruntergekommen
    der Prediger auf den Kirchenstufen
     
    Was dann
    pfeifender Atem
    scheu war sie
    ein treubrauner Blick
    und jung war sie
    colorblondes Haar
    und frisch war sie
    und tot ist sie
    wegen ein paar Mark
     
    Der Brief jetzt ganz verbrannt
    mit schwarzer Schrift auf schwarzer Asche
    und das Glas
    neben dem Leierkasten
    leer am Ende
     
  • Ich hab's wieder vergessen
     
    Ich hab's wieder vergessen
    wie war das noch mit dir
    im Garten
    oder war's am Rhein?
    Es war jedenfalls warm
    zwischen den Schneehaufen
    die Sonne war nicht da
    ebenso wenig der Mond oder so ein Stern
    dafür gab's Wolken
    in jeder Menge
    und alles was du anhattest
    war aus Wolle
    aus reiner Baumwolle
    nichts war aus Seide
    ehrlich nichts
    hättest du bloß die Brille angelassen
     
    Und jetzt kommst du wieder
    das hilft mir auf die Sprünge
    aber - es ist Sommer
    und der Schnee ist alle -
    vollständig durch meine Lunge und alles andere gezogen
     
    Doch da bist du
    mi deiner wollenen Ehrlichkeit
    lass es uns noch mal versuchen
    auch ohne dieses Sausuperzeug
     
  • Was ist in der einzigen Nacht geschehen
     
    Was ist in der einzigen Nacht geschehen
    an die ich mich noch erinnern kann
    Musik wie das Rasseln von Sklavenketten
    in römischen Galeeren
    Licht aus Allerheiligen-Grableuchten
    Mädchen aus einem Guss
    zerrissene Erinnerungen
    an Abenteuer
    an Hirtenfeuer
    an Nächte am Fluss
    raus an die Luft
    um dem Seidenpapiertod zu entgehen
    und in zärtlicher Begleitung
    den Nebel der einzigen Nacht suchen
    an die ich mich noch erinnern kann
     
  • Gestern traf ich L.C.
     
    Gestern traf ich L.C.
    und er belehrte mich
    über die Chancen der gezügelten Nächte
    ich beherzigte die mutigen
    der siebentausend Worte
    und erfüllte mein Soll an Zeilen
    jede nacht
    zwischen Milch und Brot
    zwischen unbezahlbarem französischen Cognac
    und dem Blick
    aus den unsterblichen braunen Augen
    die Seiten füllen könnten
    zwischen sanfter Musik
    und der Luft aus staubigen Rohren
    zwischen deiner Nacktheit
    und der Unzahl von Schweißperlen
    auf Stirnen von Liebenden
    zwischen nassem Asphalt
    und Filmen mit Humphrey Bogart
    zwischen den brennenden Küssen verschweißter Zungen
    und dem bescheidenen Händedruck beim bitteren Abschied
    zwischen Räumen
    in denen die Dunkelheit leuchtet
    und in denen wir warten
    auf die mutige Erfüllung
    der galantesten dieser Worte
     


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